Am Tag, als ich die FAZ kündigte…
Oktober 15th, 2007Gestern fiel der Entschluss, das Abonnement der Frankfurter Allgemeine Zeitung zu kündigen. Nachgedacht hatte ich darüber bereits vorher, da es mir nur selten gelang, sowohl alle Ausgaben der FAZ einer Woche als auch Die Zeit der gleichen Woche hinreichend zur Lektüre heranzuziehen. Ausschlag gegeben hat jetzt allerdings die Berichterstattung rund um das Thema Klimawandel in der Sonntagsausgabe der FAZ von diesem Wochenende. Wo die FAZ politisch einzuordnen ist, das war immer klar und vereinfachte sogar das Beurteilen der editorialen Beiträge und Kommentare. Eine solch unsensibel einseitige Darstellung, wie diesen Sonntag zu finden, überschreitet jedoch das Maß der Dinge.
Es geht los auf dem Titelblatt: Unübersehbar lautet der Haupttitel dort “Bahnfahren hilft dem Klima nicht”, im Untertitel wird das Fazit “Pkw-Fahrgemeinschaften sind besser” gezogen. In 6 Spalten à 6 cm Höhe wird dann im Schnelldurchlauf die Bahn als Umweltsau durchs Dorf getrieben und das Auto und besonders der Fernreisebus als vernünftige Alternative gelobt. Im Wissenschaftsteil schließlich wird dieses auf drei Seiten im Detail plausibel gemacht. Oder vielleicht doch nicht?
Es wird permanent der Benzinverbrauch der Bahn mit dem eines Autos verglichen. Natürlich fährt ein Zug nicht mit Benzin, trotzdem verwendet man diesen Wert, um Vergleichbarkeit herzustellen. Irgendwann muss man dann doch auf drei großen Tageszeitungsseiten darauf hinweisen, dass die meisten Züge nun mal doch elektrisch angetrieben werden. Fluggs wird die Grenzbetrachtung herangezogen. Diese sagt sinngemäß, dass die Erzeugung von Öko-Strom bereits an den Grenzen angelangt ist und zusätzliche Energie, die für mehr Bahnfahrten gebraucht würde, praktisch nur aus Kohlekraftwerken mit entsprechenden CO2-Emissionen kommen kann. So zieht man im Text das Fazit: “Strom aus Kernkraftwerken oder Wasserkraft ist in Deutschland eine feste Größe - kein Ausbau möglich und geplant. Umweltfreundlicher Strom aus Windkraft und Biomasse wird auf viele Jahre hin eine begrenzte Ressource sein, die wir nur sehr langsam und teuer […] ausweiten können.” Aha, Ausbau von Kernkraftwerken nicht möglich (warum? Wegen der Politik? Die FAZ ist sich sonst nicht zu schade, den Politikern den rechten Weg zu weisen), Windkraft kann nur langsam ausgeweitet werden und Solarenergie wird erst gar nicht erwähnt. Auch die (aus meiner Sicht utopischen) Erklärungen der Politik, dass die neuen Braunkohlekraftwerke nur geringe CO2-Emissionen verursachen werden (da der CO2-Ausstoß unterirdisch eingelagert werden soll), finden keine Erwähnung.
Besonders kritisch an der ganzen Betrachtung scheint mir, dass sich die Untersuchungen sehr auf den Fernverkehr konzentrieren - hier wird besonders kritisiert, dass die Bahn durch unzureichende Auslastung (immerhin wird an einer Stelle verschämt zugegeben, dass es nicht ganz falsch sein kann, ohnehin verkehrende Züge zu besteigen, so es denn noch einen Platz gibt) und zu hohe Geschwindigkeiten (in der Tat ein zulässiges Argument - Spitzengeschwindigkeiten von 300km/h und mehr verursachen einen um bis zu 3/4 erhöhten Energieverbrauch im Gegensatz zu einem “normal schnell” reisenden Zug) so schlecht in der Energiebilanz abschneidet. Statt dessen wird vorgerechnet, dass ein voll besetztes Auto pro Kopf weniger Energie verbraucht, als ein halbleerer Zug und dass ein voll besetzter Fernreisebus ohnehin in einer ganz anderen Liga spielt und die Bahn dort auch nicht annähernd mithalten kann. Sofort bedauert man, dass nicht mehr Konzessionen für Linienbusse vergeben würden, ohne darüber zu spekulieren, ob diese Fernreise-Linienbusse genauso gut besetzt sein würden, wie die vollgepfropften Kaffeefahrt-Busse, auf die sich die Untersuchung bezieht. Sollte man auch dort nur vergleichbare Auslastungen wie bei der Bahn hinbekommmen (also unter 50%), so ist die tolle Energiebilanz auch schon dahin.
Wo sind die Hinweise, dass mit heutiger Technik ein Zug praktisch emissionsfrei verkehren kann, wenn denn die Politik für die entsprechend saubere Stromversorgung sorgt (Grüße an die Kohle-, Öl- und Gaslobby!), ein Auto oder Bus jedoch vorhersehbar für mindestens die nächsten 20 Jahre die Luft verpesten wird? Wo sind die Hinweise, dass ein Auto, dass nach Angaben der Untersuchung im Schnitt 8 Liter Benzin auf 100km verbraucht, mit bestehender Technik auch nur 4 oder 5 Liter verbrauchen könnte? Wo ist die Statistik zur tatsächlichen Nutzung von Fahrgemeinschaften, oder gar zur Bereitschaft, diese häufiger zu Nutzen? Wo die genauere Untersuchung zum Nah- und Berufsverkehr? Wie die Welt aussehen würde, wenn man unreflektiert die Schlußfolgerungen der FAZ in die Praxis umsetzen würde, haben wir ganz gut am vergangenen Freitag während des Bahnstreiks sehen können - wo man hinsieht, verstopfte Straßen, und ein Durchschnittsverbrauch, der im Stau - mangels vorhandener, aber viel zu wenig eingesetzter Hybridtechnik - sicher über den 8l/100km lag. So darf kein Wissenschaftsteil einer seriösen Zeitung aussehen, mal ganz von der miesen Meinungsmache auf Seite 1 abgesehen, die nur noch wenig von der “Bild am Sonntag” entfernt ist (na schön, diese hätte wahrscheinlich “Killt die Bahn!” und dann kleiner “Autos und Busse stoppen den Klimawandel” getitelt).
In der gleichen Sonntagsausgabe der FAZ finden sich dann übrigens noch ein Artikel unter dem Titel “Der Klimawandel” auf Seite 1 des “Geld & Mehr” Teils (hier wird immerhin anerkannt, dass sich Investments in Unternehmen, die sich der Energieeffizienz verschrieben haben, sinnvoll sind, wenn auch nicht aus Motiven der “edlen ökologischen Gedanken und Weltverbesserung”, sondern einfach dem “schnöden Gewinnstreben” geschuldet); ein Artikel, in dem die Verleihung des Friedensnobelpreises an Al Gore und den UNO-Weltklimarat als linke Spinnerei des durch die Schwedische Arbeiterpartei beherrschten Kommittees abgetan wird (und im übrigen werde sich die Sorge um das “Global Warming” höchst wahrscheinlich in wenigen Jahrzehnten bereits als hysterische, unbegründete Panikmache erweisen) und schließlich einen Technik & Motor-Teil, der sich intensiv auf fast einer ganzen Seite mit dem Audi Q7 (nüchtern wird festgestellt, dass man statt der angegebenen 11,1l/100km eher bis zu 17 Liter Sprit verbraucht) befasst, um dann mit Porsche-fahrenden Frauen und dem Roadster-Spezialisten Wiesmann (4,8-Liter-V8 Motor, 367PS, Verbrauchangaben…? Darüber spricht man nicht!!) fortzufahren. Man unterbricht kurz mit einem Bericht über Segelboote, um dann mit Anzeigen für den Phaeton, Audi Gebrauchtwagen und gebrauchte Geländewagen zum abschließenden Bericht über den Schienenzeppelin zu überbrücken. Was, noch einmal das Thema Bahn? Ach nein, es geht um eine Modelleisenbahn…